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Aretha Franklin

Franklin, Aretha (voc, p), am 25. März 1942 in Memphis, Tennessee, geboren, sang mit mehr Personality, Autorität und Feeling als beinahe jede Aretha Franklinandere Popmusik-Interpretin. Sie war die "Lady Soul", die "Soul Sister No. 1" der schwarzen Amerikaner und zugleich eine Schallplatten-Künstlerin, die für ihre Erfolge auf dem weißen Musikmarkt mit Golden Records, Grammy Awards und sämtlichen anderen Auszeichnungen geehrt wurde. Mutterlos wuchs sie mit vier Geschwistern beim Vater Clarence L. Franklin, einem Gospel-Pfarrer, der annähernd 100 Predigt-LPs bekreischt hat, in der New Bethel Baptist Church von Detroit auf. Mit zehn Jahren war sie Vorsängerin im Kirchenchor, mit dreizehn besang sie ihre ersten Spiritual-Platten, mit vierzehn zog sie als Solistin des väterlichen Gospel-Teams auf frommen Wegen durchs Land.

Nach sechs harten Tournee-Jahren versuchte sie Pop: mit katastrophalem Ergebnis. Der Schallplattenkonzern Columbia/CBS empfing die Sängerin zwar als "größte Begabung seit Bessie Smith und Billie Holiday" (Columbia-Producer John Hammond); ihre schwarze Stimme wurde jedoch mit Saccharin-Arrangements und Studio-Gimmicks geschändet, und der erhoffte Umsatz blieb aus.

Statt mit Gospel-Songs tingelte Aretha Franklin nun mit zweitklassigen Schlagern durch drittklassige Etablissements. Erst die auf schwarze Musik spezialisierte Columbia-Konkurrenz Atlantic machte die Sängerin 1967 zur "Queen of Soul", in deren Songs sich nun "die religiösen Ermahnungen der Gospel-Meetings in einen sexuellen Kriegsruf" ("Newsweek") verwandelten. Der Ruf wurde sofort verstanden: Die erste Atlantic-Single von Aretha Franklin (I Never Loved A Man The Way I Love You) war binnen zwölf Wochen ein Millionen-Seller. Die US-Schallplatten-Akademie und Martin Luther Kings Southern Christian Leadership Conference wählten den neuen Star zur "Sängerin des Jahres"; die Illustrierte "Ebony" erhob den (von Otis Redding übernommenen) Franklin-Hit Respect zur "schwarzen Nationalhymne".

Der Ruhm und die Millionenerträge ihrer Platten machten die Mutter von drei Knaben nicht glücklich. Ehen gingen schief, mit Alkohol und Zigaretten suchte sie die fortdauernde Angst vor dem Show Business zu überwinden. Nur auf der Bühne, so schien es, fühlte sie sich nach dem Lampenfieber "like a natural woman" (Songtext). Zwar blieben ihre Interpretationen konkurrenzlos und ihre Shows, etwa der für die Platte mitgeschnittene Auftritt mit Ray Charles im Fillmore West, voller ekstatischer Höhepunkte, dennoch erweckte ihre Karriere fortan den Eindruck der Richtungslosigkeit. Statt sich zu ihren wenigen selbstkomponierten Stücken von begabten Autoren ein frisches Repertoire schreiben zu lassen, nahm die Grammy-Gewinnerin Hits und Flops anderer Sänger noch einmal auf.

Zwar blieben ihre Interpretationen in Phrasierung und Diktion makellos, ihre LPs erschienen jedoch vielfach eher als zufällige Singles-Kollektionen denn als sinnvolle Album-Editionen. "Let Me In Your Life" und "With Everything I Feel In Me" wurden beispielsweise mit Aufnahmen von je vier Producern bestückt: Arif Mardin, Tom Dowd, Jerry Wexler und Aretha Franklin selbst. "Ich muß", bekannte sie der großen Spiritualsängerin Mahalia Jackson vor deren Tod 1971, "wieder eine Gospel-Platte machen und Jesus sagen, daß ich diese Bürde allein nicht mehr tragen kann."

Sie tat es: Ihr Album Amazing Grace, am 14. Januar 1972 mit dem Southern California Community Choir in der New Temple Missionary Baptist Church eines Ghettos von Los Angeles aufgenommen, geriet zu einem Meilenstein in der Geschichte der populären amerikanischen Musik. "Wenn Sie die Wahrheit wissen wollen", kommentierte ihr Vater, "dann hat Aretha die Kirche nie verlassen. Wenn Sie die Fähigkeit zu fühlen und zu hören haben, dann ist Aretha immer noch eine Gospelsängerin."

Danach trennte sie sich von ihrem Producer Jerry Wexler und arbeitete mit Quincy Jones, Curtis Mayfield, Lamont Dozier, Van McCoy, Arif Mardin, Luther Vandross, Narada Michael Walden und sogar Keith Richards - mit unterschiedlichem Erfolg. 1980 verließ sie Atlantic für Arista und trug zwei unvergeßliche Interpretationen zum Film "The Blues Brothers" bei: Respect und Think. 1982 erreichte sie endlich wieder die Spitzenposition der R & B-Charts mit Jump To It, gefolgt 1983 von Get It Right und 1985 vom Chartsbreaker-Album Who's Zoomin' Who und dem Monster-Hit Sisters Are Doin' It For Themselves zusammen mit Annie Lennox von den Eurythmics.

Ein weiteres Duett, I Knew You Were Waiting mit George Michael, schaffte es 1987 an die Spitze der britischen Charts. Auf der LP Through The Storm (1989) überbot sie sich selbst mit vier Duetten - "mal terzenselig mit Elton John, mal butterweich in Sachen Four Tops und schließlich mit Produzent Narada Michael Waldens erfolgreichstem Schützling Whitney Houston, die sich Arethas etwas rauherer Gangart perfekt anpaßt" ("Musikexpress").

Als Höhepunkt des Albums machte sie den Soul-"Godfather" James Brown kräftig an: "Give it to me right here - on the microphone." Dem "Musikexpress"-Rezensenten war Through The Storm der Superlativ von fünf Sternen wert. Und da ihr Soloalbum What You See Is What You Sweat (1991), wiederum von so vielen Produzenten (unter anderem Narada Michael Walden, Luther Vandross, Burt Bacharach) überproduziert, gerade einmal Platz 153 in den US-Charts erreichte, wurde die Duett-Idee am 27. April 1993 in New Yorks Nederlander Theater noch einmal höchst erfolgreich fürs Fernsehen gemolken.

Über die am 9. Mai 1993 in Fox-TV ausgestrahlte Show mit Gloria Estefan, Bonnie Raitt, Rod Stewart, Elton John, Smokey Robinson notierte die "Village Voice": "Wenn Rod Stewart sie auf der Bühne als beste Stimme des Jahrhunderts titulierte, dann machte Aretha das Kompliment an diesem Abend sogar noch zu einem Understatement."

Das Nachrichtenmagazin "Newsweek" variierte über ihre vorzüglichen Duettpartner eine Songzeile von Irving Berlin: "Anything they could sing, she could sing better." Kein Wunder, daß Frank Sinatra die Soul-Diva für einen Song auf seinem Album Duets I einlud. Seit dem Krebstod ihrer 1945 geborenen Schwester Carolyn am 25. April 1988 in Bloomfield Hills, Michigan, und dem Ableben ihres Bruders und Managers Cecil kurz darauf hatte sich Aretha Franklin wieder stark der Kirche, öffentlichen Aufgaben und Wohltätigkeitsaktivitäten zugewandt. Den Erlös ihrer Duets-TV-Aufzeichnung im Nederlander Theatre in Höhe von 225000 Dollar stiftete sie beispielsweise für die Aids-Hilfe der Gay Men's Health Crisis.

Sie sang im März 1991 zur Beisetzung eines ermordeten Veteranen des Golfkrieges in der Little Rock Baptist Church in Detroit, im Juli 1992 auf dem Parteitag der Demokraten in Chicago, im Dezember 1993 im New Yorker Kennedy Center zu Ehren der verstorbenen Gospel-Sängerin Marion Williams, im Juni 1994 für Präsident Clinton im Weißen Haus, im Januar 1995 zum Andenken an Ella Fitzgerald im Universal Amphitheater in Kalifornien. Zumindest ebensooft wurde sie in den Neunzigern von Organisationen wie der Rhythm & Blues Foundation (1992), der Essence Org. (1993), der NARAS, welche die Grammies verleiht (1994), oder dem Kennedy Center (1995) für ihr Lebenswerk geehrt. 1998 stand sie für den Film "Blues Brothers 2000" vor der Kamera und veröffentlichte die LP A Rose Is Still A Rose, an der sie, wie sie erklärte, sechs Jahre gearbeitet hatte - wieder mit zahlreichen Produzenten, diesmal kein bißchen überproduziert.

Im April 1998 trat sie neben Gloria Estefan, Mariah Carey, Céline Dion und Shania Twain in einem Benefizkonzert zur Förderung des Musikunterrichts in den Schulen im New Yorker Beacon Theatre auf. "New York Post": "Sie hatte zweimal soviel Stimme, zweimal soviel Leidenschaft und mehr Haltung als auch nur eine der dünnen Diven, die vor oder nach ihr sangen."

Das dabei mitgeschnittene Album VH 1 Divas Live erreichte die US-Charts-Position 21. A Rose Is Still A Rose hatte sich in den USA auf 26, im United Kingdom auf 22 plaziert. Im September 1998 jubilierte Aretha Franklin neben Stars wie Natalie Cole und Barry Manilow im Madison Square Garden, im Dezember für NBC-TV im National Building Museum für die Show "Christmas in Washington". Als sie im gleichen Jahr auf Einladung von Bill und Hilary Clinton das White House Correspondents Dinner mit einem Pop-Gospel-Dessert akzentuierte, wandte sich ein europäischer Journalist zum schwarzen Jazz-Publizisten und "Daily News"-Kolumnisten Stanley Crouch: "A lot of white people are looking for some soul." Der nickte: "Everybody, regardless of colour, needs some of that."


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