John Coltrane

Autors des Textes: Jörg Alisch / Quelle von alisch.trilithium.de

Als Saxophonist war er beim ersten Ton schon unverkennbar unter 100 anderen Saxophonisten. Mit seinem legendären Quartett etablierte er die John-Coltranefruchtbare Unruhe als Wesensmerkmal des modernen Jazz. Seine Beschäftigung mit orientalischer Religiosität und asiatischem Mystizismus bescherte dem Jazz nicht nur hymnische Gebete von eindringlicher Spiritualität, sondern ließ ihn posthum zum ersten Säulenheiligen der Esoterik werden, und seine sich selbst verzehrende Suche nach immer noch größerer Intensität wies nicht nur dem Free Jazz endgültig seine Richtung, sondern ließ ihn zugleich schließlich körperlich an sich selbst zerbrechen.

Wo John Coltranes Entwicklung in der Tat in jenen gigantischen Schritten verlief, von denen mit „Giant Steps“ eine seiner bekanntesten Platten sprach, da ist auch mehr als drei Jahrzehnte nach seinem viel zu frühen Tod sein Einfluß nach wie vor ungebrochen, steht sein Name – wie wohl vielleicht neben ihm nur noch der Miles Davis‘ – als Synonym für den modernen Jazz schlechthin, ohne dessen permanente Grenz-Überschreitungen auch vieles, was heute in Rock und Pop Selbstverständlichkeit ist, undenkbar wäre.

Geboren am 23. September 1926 in Hamlet im US-Bundesstaat North Carolina als Sohn eines Schneiders, lernt John Coltrane nach dem Umzug der Familie nach Philadelphia auf der High School zunächst Althorn, Klarinette und Saxophon, bevor er seine musikalischen Kenntnisse unter anderem an der Ornstein School of Music vertieft.

Von 1945 an Berufsmusiker, erhält er nach einem zweijährigen Zwischenspiel in einer Band der Army auf Hawaii sein erstes Engagement in der Gruppe von Blues-Star Eddie „Cleanhead“ Vinson, wo ihn Dizzy Gillespie entdeckt. Nach Zwischenstationen bei Earl Bostic und Johnny Hodges erregt er Mitte der 50er als Tenorist im Miles-Davis-Quintett nicht nur mit seinem Solo über „round Midnight“ erstes Aufsehen, sondern entwickelt zusammen mit dem Trompeter in ersten Ansätzen die sogenannte „modale“ Improvisation, die die herkömmlichen Akkord-Schemata auf- und ablöst und mit Davis‘ Legenden-LP „Kind Of Blue“ für die Ewigkeit festschreibt.

Durch die Hinwendung zu einer religiös geprägten Spiritualität von Alkohol und Drogen geheilt, drückt Coltrane das Zusammenspiel mit Thelonious Monk und ein vielbeachtetes Engagement mit dessen Gruppe im New Yorker Jazz-Club „Five Spot“ 1957 Coltrane einen weiteren prägenden Stempel auf, bevor er 1959 erneut mit Miles Davis zusammentrifft. Inzwischen vom Insider-Tip zur festen Größe geworden, nimmt „Trane“, wie er in schöner Doppeldeutigkeit genannt wird, mit „Blue Train“ sein einziges, dafür aber umso überzeugenderes „Blue Note“-Album auf und wird schließlich, zunächst noch als Mitglied im Quintett des Pianisten Red Garland, dann jedoch auch unter eigenem Namen zu einem der Aushängeschilder von Bob Weinstocks „Prestige“-Label.

Doch wo 1959 mit der Einspielung von „Kind Of Blue“ für sich allein schon ein weiterer „giant step“ gewesen wäre, da macht Coltrane sozusagen mit beiden Beinen den nächsten großen Schritt nach vorn – nach der Unterzeichnung eines Vertrags mit dem „Atlantic“-Label der beiden jazzbegeisterten Brüder Ahmed und Nesuhi Ertegun , das 1998 sein 50jähriges Jubiläum feierte und aus diesem Anlaß auch eine ganze Reihe von lange vergriffenen Klassikern neu veröffentlichte, stellt er nach einer kurzen Phase der Suche und der Umbesetzungen mit dem Pianisten McCoy Tyner, dem Bassisten Jimmy Garrison und dem Schlagzeuger Elvin Jones das Quartett zusammen, das kurz darauf Jazz-Geschichte schreiben und durch die sporadische Integration von Eric Dolphy die Klangfarbe des Jazz der nächsten zehn Jahre maßgeblich mitbestimmen soll.

Der Wechsel von „Atlantic“ zu „Impulse“ zwei Jahre später bringt ebenso wie der zuvor von „Prestige“ zu „Atlantic“ wiederum noch ein Stück mehr künstlerischer Freiheit und mit Platten wie „Crescent“ , „Africa/Brass“ und dem Live-Mitschnitt eines Auftritts im New Yorker „Village Vanguard“ eine weitere Annäherung an die Grenzen des konventionellen Jazz und bezieht immer weiter das mit ein, was uns heute unter dem Begriff „Weltmusik“ geläufig ist.

Verschreckt von der sich abzeichnenden Auflösung aller tonalen wie rhythmischen Bindungen verlassen Tyner und Jones nach dem auch kommerziellen Erfolg der Meilenstein-LP „A Love Supreme“ von 1965 fluchtartig die Gruppe, Coltrane selbst arbeitet, getrieben von der Suche nach immer mehr Intensität, mit den zornigen jungen Saxophonisten Archie Shepp und Pharao Sanders zusammen und tritt mit dem – so Joachim Ernst Berendt – „40minütigen Orgasmus“ „Ascension“ die Tür zum Free Jazz mit Gewalt ein, die Ornette Coleman 1961 mit seiner dem ganzen Stil den Namen gebenden LP bereits aufgestoßen hatte.

Im Oktober 1966 jedoch muß Coltrane bereits aus gesundheitlichen Gründen einen Auftritt bei den Berliner Jazztagen absagen, und als er am 17. Juli 1967 in New York mit nur 41 Jahren an einem Leberleiden stirbt, ist Kollegen wie Kritikern klar, daß das nur der körperliche Ausdruck für die seelische Erschöpfung des Mannes ist, der mehr Fragen aufgeworfen hatte, als er Antworten zu geben in der Lage war, und der um seine tiefste Tragik besser wußte als jeder andere, als er einst sagte: „Ich höre so viel und weiß doch nicht, wie ich es ausdrücken soll“.
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