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Interview mit Keb Darge & Florian Keller

Keb Darge:

Nachdem er keine Lust mehr hatte, bei den Schulhofprügeleien auf der Verliererseite zu stehen, schloß sich der damals 14jährige Schotte er dem örtlichen RAF Taek Wan Do Club an und erfuhr dort, was ihn noch sein ganzes Leben lang begleiten sollte. Die britischen RAF-Boys tanzten auf ihren Parties zu jener Musik, die als Northern Soul in die Analen einging und an eben jenen Soul verlor der junge Keb sein Herz. Nach seinem Schulabschluß wechselte er auf die Universität, nur um dort kurze Zeit später wegen seiner ständiger Abwesenheit (verursacht durch Soul-Allnighters und jede Menge Drogen) vom Campus geschmissen zu werden. Die Realität vor Augen, entschloß er sich nach London zu gehen, jener Stadt, die damals musikalisch gesehen so uninteressant war, wie nur irgendetwas. Genau das richtige also, um nochmal neu anzufangen. Doch der Soul blieb in seinem Herz und so dauerte es nicht lange,bis Keb Darge, angetrieben von der nicht endenwollenden Mod-Welle, zusammen mit zwei Freunden die 6Ts-Night im 100 Club aufzuziehen. Dort packte ihn dann auch endgültig das DJ-Fieber und Keb wurde kurzer Hand zum #1 Northern-Soul-DJ gewählt. Dann kam die Scheidung und der damit verbundene Verkauf seiner raren Plattensammlung, doch die Sehensucht nach Musik blieb und so traf man ihn kurze Zeit später zusammen mit Roy the Roach und Norman Jay, denen er Funkplatten verkaufte, die er günstig aus Amerika besorgte. Doch mit Ausnahme der eben beiden genannten, befand er die Rare-Groove-DJs als äußert ungenügend und versuchte sich selbst an jener Funkmusik, die er bis dahin nur weiterverkaufte. Was daraus wurde, kann man jeden Sonntag bei Madam JoJo’s Deep Funk-Night bewundern.

Interview:

ouk: Die Funk-Fans sind generell die enthusiastischeren Tänzer, habe ich so das Gefühl.

Keb: Ja, kann gut sein ... Bei Madam JoJo´s gibt es zwei Tanzflächen und es hat sich so ergeben, daß die guten Tänzer auf der Oberen tanzen, da dort das Parkett besser ist, auf der Unteren hingegen tanzen die weniger guten Tänzer. Aber alle tanzen und viele tanzen sich im Laufe der Zeit nach oben.

Aber es ist eben eine richtige Tanzatmos-phäre vorhanden und dann schlägt sich das auf die etwas weniger Tanzfreudigen über. Wenn da einer mit seinem Drink auf der Tanz-fläche steht, dauert es keine zehn Minuten, bis ihm jemand nahelegt, sich woanders hinzustellen. And I myself enjoy 

florian  Keller

dancing too. ouk: Was ist der Unterschied zwischen Euch zwei?

Flo: Ich glaube Keb ist einfach ein richtiger Hardcore-Plattensammler, während ich mich mit der Musik zufriedengebe. Ich muß nicht umbedingt diesen „raren“ Song spielen, während Keb daruf versessen ist, die eine Single zu spielen, die nur er besitzt.

ouk: Ein richtiger Purist also.

Flo: Keb ist ein verrückter Schotte, der fünf gute Singles gegen ein eintauscht, weil es eben nur eine Kopie davon gibt. Ich bin dann immer sehr froh, weil die fünf die ich bekomme sehr gute Platten sind und in München auch diese niemand kennt. Wenn ich jetzt in London auflegen würde, wäre das alles ganz anders.

Keb: Es ist nicht nur London. Ich versuche mich im Wettstreit mit der gesamten Funk-Szene. Wenn Du mich nach München holst, dann will ich daß Du und Deine Sammler-Freunde mit offenen Augen dastehen und aus dem Staunen nicht mehr rauskommen. Es hat für mich keinen Reiz, in München, Schweden oder Japan aufzulegen und eine Platte zu spielen, die jeder DJ in München, Schweden oder Japan bereits jede Woche spielt.

Flo: Aber Du bist schon sehr einzigartig in dieser Hinsicht.

Keb: Das kommt von der Northern Soul-Szene. Wir sind damals jedes Wochenende nach Wigan gereist, 12 Stunden Fahrt hin und 12 wieder zurück. Da wollten wir keine Songs hören, die wir überall sonst auch zu hören bekamen. Also spielten sie dort ihre Neuentdeckungen und wir mußten zwangsläufig mithalten. Und so will ich es mit der Funk-Szene auch handhaben. Ich will, daß Florian mich in vier Wochen wieder bucht, und sich fragt, was ich diesesmal wohl auflegen werde.

Flo: Gut, gut. Für mich ist es eben wichtig eine gute Atmosphäre im Raum zu haben und die Tänzer beim Tanzen zu halten. ouk: Es kommt ja auch sehr auf die Art und Weise an, wie man sein Set aufbaut.

Keb: Natürlich. Was ich mache, ist die Scheiben rauszusuchen, die ich den Sammlern vorspielen will, und dann überlege ich mir, wie ich als Tänzer darauf reagieren würde. Ich habe auch nichts gegen die James Browns, aber es ist halt nicht mein Ding. Die funktionieren ja auch prächtig auf der Tanzfläche, aber es ist nicht meine Aufgabe, sowas zu spielen. Es gibt soviel mehr, als nur James Brown. Und um ehrlich zu sein: Als ich gestern bei Dir im Club aufgelegt habe, da habe ich die Platten für dich und Deine Sammler-Freunde aufgelegt. Der Rest der Menge interessierte mich nicht so sehr. Ich weiß, daß sie nichts von dem Zeug kennen, das ich auflege, aber ich habe darauf geachtet, daß die Songs gut genug sind, um sie zum Tanzen zu bringen. Ich spiele für sie also gute Musik, sie kennen sie nur nicht. Aber eigentlich spiele ich für die Sammler. Wenn ich jetzt James Brown etc. gespielt hätte, dann hätte die Menge auch getanzt, deine Freunde und Du wären aber davongerannt. Durch das, was ich spiele stimme ich also beide Parteien zufrieden.

Flo: Ja, aber ich kann diese Leute nicht leiden, die sich nur um die Rarität eines Songs kümmern, ganz egal wie gut oder schlecht er ist. Es gibt wirklich schlechte Platten die für 400 Pfund vekauft werden, nur weil sie rar sind. Das ist, glaube ich, auch etwas worüber Gilles Peterson sehr verärgert ist.

Keb: Naaah!! Das stimmt nicht. Ich kenne die wahre Geschichte des Gilles Peterson. Aber laß mich eines klar stellen: Ich habe nie von mir behauptet, rare Platten zu spielen. Ich will keine raren Platten spielen. Ich will gute Platten spielen, die noch nicht gespielt wurden. Es gibt in New York ein Label, Desko, die ein paar wirklich gute Platten herausgebracht haben. Die kosten mich zwei oder drei Pfund. Ich gehe jede Woche in den Plattenladen aber ich finde vielleicht nur ein oder zweimal im Monat eine Platte, von der ich sagen würde, daß sie ausgezeichnet ist. Es gibt welche die gut sind, aber nicht eben nicht so gut wie alte Platten. Um jetzt eben gute, neue Platten zu spielen, die die Leute noch nicht kennen, muß ich eben nach alten Platten Ausschau halten.

Und da ich das ganze schon so lange mache, sind meine Platten eben meist sehr rar, denn sonst wären sie ja schon gespielt worden. Wenn ich morgen in einen Plattenladen laufen könnte und dort zwanzig neue Platten mitnehmen könnte, die alle für brilliant halten würde, wäre ich mehr als glücklich, denn ich würde sehr viel Geld sparen. Heutzutage wird aber nur wenig gute Musik produziert Und da kommt jetzt auch Gilles Peterson ins Spiel. Hier also die wahre Geschichte des Gilles Peterson, die mich auch so ärgert: Bob Jones und Paul Murphy, beide Jazz-DJs gründeten einen Clubabend im Dingwalls.

Paul Murphy hatte noch einen Plattenladen, in dem er Jazzplatten verkaufte und dort verkaufte er Jazzplatten an einen reichen Jungen, der jede Woche mit all seinem Geld hereinspaziert kam und all diese Jazzplatten kaufte. Dieser Junge fragte auch oft, ob er denn nicht im Dingwalls auflegen dürfe, Paul Murphy lehnte jedoch ab. Eines Tages erzählte Paul Bob Jones von diesem Jungen, der all sein Geld in seinem Laden liegen ließ und so entschieden sie sich ihn als Warm-up DJ anzustellen. So wurde Gilles Peterson also Warm-up DJ im Dingwalls. Irgendwann hatte Paul dann Schwierigkeiten mit einer Drogen-Bande und mußte deshalb seine Platten, seinen Laden und seine eigene Plattensammlung verkaufen. Der junge Gilles, der dies mitbekommen hatte, ging also zu seinem Vater und erzählte ihm, daß er diesen Plattenladen aufkaufen wolle. Sein Vater gab ihm das Geld und Gilles kaufte Pauls Laden auf.

Für Paul Murphy - jetzt ohne Laden und ohne Platten - war die musikalische Karriere beendet. Blieben also Bob Jones und Gilles Peterson übrig, um das Dingswall weiterzumachen. Bob Jones gab Gilles Anweisungen, welche Platten er auflegen solle und welche nicht, und so funktionierte das dann eine Weile, bis Bob für sechs Wochen auf Tour nach Europa ging. Während dieser Zeit ließ er Gilles Peterson und dessen Freund Patrick Forge auflegen. Bob Jones ging also für sechs Wochen nach Europa, kam wieder zurück, traf sich mit Gilles und der meinte erstaunt: „Ohh, ich dachte Du würdest nicht mehr kommen. Ich habe mit dem Clubbe-sitzer eine Vertrag ausgehandelt. Der Club ge-hört jetzt mir. Patrick und ich schmeissen jetzt den Laden. Aber ich werde Dich ab und an als Gast-DJ auflegen lassen.“ Und so war Bob Jones nur noch Gast-DJ. Einige Zeit später rief Gilles bei ihm an und sagte: „Hey Bob, Acid Jazz will, daß ich für sie die Totally Wired-Compilations zusammenstelle. Können Paul Murphy, Jonathan und Du mal vorbei kommen und mir dabei helfen??“.

Die drei gingen also zu Gilles und suchten für ihn die Stücke für die Compilation heraus. Dann wurde die Compilation veröffentlicht und hinten drauf war zu lesen: Totally Wired - compiled by Gilles Peterson. Dank an Betty für den Tee, Susan für die Kekse, Bob Jones, Wilma fürs Putzen, Paul Murphy ....

Paul und Jonathan hatten von da ab genug von ihm, Bob hingegen sah darüber hinweg und blieb mit ihm befreundet. Dann bekam Gilles eine eigene Radio-Show auf KissFM. Dort spielte er all das gute Zeugs, das von niemand anderem als Bob Jones ausgesucht wurde. Für Euch und die Welt sah es so aus, also ob Gilles Peterson diesen ausgezeichneten Geschmack hatte - aber es wurde alles von Bob zusammengestellt. Der letzte Schlag kam dann, als Talking Loud gegründet wurde.

Bob Jones war zu der Zeit arbeitslos und hatte kein Geld und fragte bei Gilles um einen Job bei Talking Loud an. Gilles sagte diesen selbstgefällig zu, sobald es mehr Arbeit zu tun gäbe. Nach einem halben Jahr war Bob Jones immer noch arbeitslos, als er heraus fand, daß mittlerweile einige Leute, darunter auch Ben Wilcox für Talking Loud arbeiteten und so fragte er einen Bekannten von ihm, der bei Talking Loud arbeitete, warum Gilles ihn nicht einstellen würde. Dieser antwortete schlicht: „Du weißt zu viel über Musik. Gilles will niemanden bei Talking Loud haben, der mehr weiß als er selbst.“. Von da ab gingen die beiden getrennte Wege und seit dem kann man deutlich den Unterschied in Gilles Petersons Sets hören.

Ich habe Tapes von seinen Radio-Shows zur Zeit wo Bob Jones ihm half und von der Zeit wo er allein auflegte, und die Qualität hat stark nachgelassen. Das schlimmste daran ist, daß er gute Musik ruiniert. Er tritt im Fernsehen auf, er ist im Radio zu hören, in jedem Magazin ist von ihm zu lesen.

Ich sah ihn im Fernsehen vor ein paar Wochen in einer dieser britishen Musiksendungen. Dort zeigten sie gerade ein asiatischen Mädchen mit ihrer Band, die völlig bizzare Musik machte. Ungefähr so: (an dieser Stelle vollführte Keb Darge einige schwer schreibbare Gesten und Geräusche - wir begnügen uns hier mit ahh---umpff,umpff --- boing ...) und Gilles Peterson kam ins Bild und sagte, daß dies „the cutting edge of british dance music“ wäre.

Wenn er ehrlich wäre, dann hätte er gesagt, daß diese Frau absoluten bullshit produziert. Aber so erzählt er der Welt und den jungen Leuten da draußen, sich diesen Mist anzuhören.

Flo: Aber er spielt auch gute Tracks..

Keb: Klar, ab und an spielt er Jazzanova, und gleich danach kommt dann Debby Harry. Aber der Punkt ist, daß Gilles Peterson einen schlechten Einfluß auf gute Musik hat. Er wird von den Medien als das „Guiding Light of Good Music“ hingestellt. Tatsächlich hat er keinen Geschmack. Er hat keine Ahnung was er da eigentlich spielt und er weiß auch nicht, was gute Musik ist, wenn es ihm nicht ein anderer erzählt. Und wenn Du in auflegen hörst, dann merkst Du, daß sein Set aus allerlei schlechtem Zeugs zusammengeflickt ist.

ouk: Aber Du bist jetzt auch ein wenig subjektiv.

Keb: Nein! Überhaupt nicht! (großes Gelächter im Raum)

Flo: Ihr Schotten seit ja noch schlimmer als die Briten.

Keb: Es ist nicht subjektiv. Man hört, ob es sich um einen guten Drum´n´Bass Track handelt, oder nicht. Man hört, ob ein Soulstück gut ist, oder nicht. Ich mag zum Beispiel keinen Ska, aber ich weiß verdammt noch mal sehr genau, ob dieses Ska-Stück gut ist, oder nicht. Ich kann HipHop nicht ausstehen, und trotzdem weiß ich, ob es guter oder schlechter HipHop ist.

Hört euch mal drei Stunden Gilles Peterson an, das wird eine sehr enttäuschende Angelegenheit.

Flo: Aber sowas muß man mindestens drei Wochen lang diskutieren. Wenn überhaupt. Mit James Lavelle verhält es sich doch ähnlich. Ich persönlich mag seinen Sound nicht, aber die Leute die zum ihm kommen, stehen voll drauf.

Keb: Ich mag James sehr und ich respektiere ihn auch, obwohl ich seine Musik nicht mag, aber er steht zu seiner Musik. Peterson hat drei Leute, die für ihn Platten einkaufen gehen. Er kauft sich selbst keine Platten mehr. Und dann wundert er sich noch, wenn alle drei die gleiche Platte anschleppen.

Er hat jemanden der ihm sein Crack und Heroin für ihn besorgt. Und das wichtigste: Wenn er eine Platte spielt, dann fragt er sich jedesmal, ob es trendy ist, diese Platte zu spielen, oder ob nicht.

Flo: Das kannst Du so aber nicht sagen.

Keb: Doch, ich weiß es. Man merkt, wenn jemand Musik liebt. Wenn so jemand eine Platte auflegt, weil er sie brilliant findet, dann geht er auf dich zu und sagt Dir: „Wow, hör die das an ---- einfach brilliant“. Alles was Du von Gilles Peterson zu hören bekommst ist: „Glaubst Du die Leute werden dazu tanzen, wenn ich diese Platte spiele?“. Und es ärgert mich, daß die Leute so hinters Licht geführt werden.

Flo: Das würde ich so nicht sagen. Ich meine, wenn 80% des Abends gute Musik läuft, dann bin ich bereits glücklich. ouk: Du kannst also sofort einen guten von einem schlechten Song unterschieden Keb?

Keb: Das stimmt so nicht. Es gibt Musik die ich nicht mag, aber trotzdem gut ist. Wie gesagt, ich mag keinen Ska, aber vieles davon ist sehr gut. Bei vielen Platten kann man allerdings sehr schnell sagen, ob sie gut oder schlecht sind. Die Northern-Soul Szene war eine der ersten Underground-Szenen, die sich überhaupt nicht um Magazine und Promoter geschert hat. Wenn jetzt aber heute im Straight no Chaser eine Aussage von Gilles Peterson steht, in der er behauptet Drum´n´Bass wäre tot, dann würde die Drum´n´Bass Szene tausende von Fans verlieren.

1977 schrieb der Melody Maker, daß die Northern Soul Szene ein Witz wäre und sie nicht verstehen würden, wie man noch zu alter Musik tanzen könne. Am nächsten Tag verlor der Melody Maker 155.000 an Auflage. Das würde heute nicht passieren. Und wieso kann sowas wie die Spice Girls überhaupt entstehen? Nur durch Marketing. In den Sechzigern gab es keine Videos und noch lange nicht soviele Magazine. Dadurch waren die Leute gezwungen, sich ihre eigene Meinung zu bilden. Sie kauften sich eine Platte, weil sie sie mochten. Heutzutage kaufen sie sich eine Platte, weil sie von den Massen-Medien beinflußt sind und sich durch den Kauf irgend einer Platte von ihrer Umgebung akzeptiert fühlen. Image ist alles.

Flo: Aber wenn es kein MTV gäbe, würden die Leute wahrscheinlich gar keine Musik kaufen.

Keb: Nein, das glaub ich nicht. Sie würden nur den ganzen Scheiß nicht kaufen. Wenn Du dir mal die Charts der Sechziger anschaust, dann hattest Du da vier Motown-Platten drin, du hattest deine Stax-Platten drin, die Spencer-Davis-Group war drin ... alles gute Musik. Jetzt hast Du lauter Müll drin, und zwschendrin vereinzelt mal ein guter Song.

Flo: Aber Du bist auch ein bißchen verwöhnt. Ich denke schon, daß wenn es kein Hyper Hyper im Fernsehen gäbe, würden die Leute gar keine Musik kaufen.

Keb: Aber es ist doch mittlerweile alles vermarktet. Im Radio sucht ein Computer die Stücke aus. Bob Jones verließ Kiss FM, weil sie wollten, daß er mehr Sachen von Sony spielt. Wenn die Leute jetzt nicht so leichtgläubig wären, und ich denke sie sind es, wenn sie sich diesen Scheiss einfach nicht kaufen würden, dann müßten die Majors wieder gute Musik veröffentlichen. Stattdessen verschleudern sie Millionen von Pfund, um irgendwelchen Scheiß zu promoten, anstatt gute Musik zu machen, die sich von selbst verkauft. Und bei der „Cutting Edge“, wie Gilles sie nennt, ist es genau das selbe. Er spricht davon, anders zu sein als die Majors, dabei handelt er genau gleich.

Flo: Warte mal. Du gibst ja auch 200 Pfund für eine Platte aus die „rar“ ist und nur, weil sie auf Deiner Compilation drauf ist, steigt ihr Wert noch höher.

Keb: Aber das ist Angebot und Nachfrage Wenn ein Stück auf einer Compilation ist, kennen es mehr Leute und folglich wollen mehr Leute diese Platte haben. Also steigt der Preis.

Mein Argument ist, daß Straight no Chaser sich weniger um die Musik kümmern, als vielmehr um die Tatsache, ob sie „trendy“ sind oder nicht. Außerdem geben sie sich mit Musik zufrieden, die nicht schlecht ist, anstatt Musik zu fordern, die gut ist. Roni Size zum Beispiel, hat den Mercury Award bekommen, weil er nicht schlecht war. Alles andere war einfach Mist.

Flo: Aber Du suchst nach jener ungehörten, guten Platte. Ich fand Roni Size sehr gut als es raußkam. Zumindestens für eine Weile. Ich denke jeder ist ziemlich glücklich über eine gute Alex Reece Platte heutzutage.

Keb: Ich behaupte ja nicht, daß es das alte Zeugs sein muß. Ich wäre sehr froh darüber, wenn es eine neue Musikrichtung namens „Quarkaufstrich“ gäbe und ich dabei sagen könnte: Jawohl, das ist es“. Ich gehe jede Woche in die Plattenläden und höre mir die neuen Releases an. Und es gibt da einige sehr gute darunter, zum Beispiel Distant-Records, Jazzanova oder einiges von MAW. Aber mit neuer Musik meine ich neue Veröffentlichungen, ganz egal ob im alten oder neuen Stil.

Drum´n´Bass war für mich ein überzeugendes Gerüst für Musik, aber es blieb beim Skelett. Es kam nie etwas dazu.

Flo: ... was auch daran liegt, daß Produktionen, die zu weit ab vom Allgemeingültigen waren, einfach ignoriert wurden.

Keb: Deshalb sage ich ja, daß die Menschen so leichtgläubig geworden sind.

ouk: Der Untergrund vermarktet sich also immer mehr und mehr?

Flo: Nun, wenn Du kein Video hast, verkaufst Du auch nicht viele Einheiten.

Keb: Aber schau Dir mal die Verkaufszahlen von „Funk Spectrum“ an. Es steht mittlerweile in den Album-Charts. Ohne Video. Aber wenn Du mal in die Büros der Major-Labels schaust, dann wirst Du dort lauter Waschlappen aus der „Public School“ vorfinden, die weder Charakter noch eine Ahnung von Musik haben.

Aber es sind diese Waschlappen, die die Labels führen. Wenn Mr. Sony Japan jetzt eine Tour durch alle Clubs Europas machen würde und sich dabei die verschiedenen Djs anhören würde, dann würde er einsehen, daß die Djs viel mehr Ahnung von Musik haben als seine Angestellten. Dann würden so Leute wie Du und ich als A&R arbeiten und Jazzanova würde 100.000 Platten verkaufen.

Aber diese Waschlappen von der „Public School“ haben keine Ahnung was gute Musik ist. Die schauen sich vier Jungs an und signen sie nach ihrem Image. Deshalb freue ich mich auch so sehr darüber, daß Funk Spectrum auf Platz 5 in den Charts ist, noch vor Whitney Houston. Vielleicht öffnet das dem ein oder anderen die Augen.

Flo: Aber irgendwie ist da immer ein Hype im Spiel. Vor zehn Jahren erzählten sie Dir, daß Jamiroquai absoluter Underground ist. Jetzt hat er einen Major-Deal.

Keb: Aber das ist nicht wegen seiner großartigen Stimme zustande gekommen. Das war zu der Zeit, als Acid Jazz in allen Magazinen auftauchte. Also dachte Sony darüber nach, so etwas einzukaufen. Aber sie haben sich nicht die Bands angehört, sondern schauten auf die Sales-Charts und pickten sich sie zwei raus, die sich am besten verkauften - Jamiroquai und The Brand New Heavies.

Glücklicherweise machen diese sehr gute Musik. Und soetwas geschieht auch durch uns. Es sollten sich mehr Leute getrauen, aufzustehen und ihre Meinung zu sagen. Wenn jetzt die jungen Leute lesen, was ich hier von mir gebe, werden sie sich wundern, warum dieser Keb Darge so erboßt ist.

Der ein oder andere von ihnen wird sich dann Gedanken darüber machen. Deshalb solltest Du auch nicht in den Plattenladen gehen und Platten kaufen, die besser als der Rest sind. Du solltest Dir das beste aus der Musikgeschichte kaufen.

Flo: Aber wenn es doch keine gute Musik gibt?

Keb: Ja, aber wieso muß es denn immer neue Musik sein. Warum sagen die Leute immer: „ich brauche neue Musik“? Doch nur, um angesagt zu sein. Das ganze ist eine billige Lüge.

ouk: Für einen 16jährigen oder eine 16jährige ist es aber ganz schön schwierig, Zugang zu all diesen alten Platten zu bekommen. Gerade in Deutschland.

Keb: Ja, klar. Aber genau deshalb liegt es ja in den Händen von Leuten wie Euch. Ihr solltet Euch auch trauen, einem DJ zu sagen, daß er da einen Scheiß auflegt.

Flo: Das könnte ich nie tun. ich werde nie zu einem DJ gehen, den ich gebucht habe und ihm sagen, daß er scheiße ist. Als Du vor zwei Tagen Dein Northern-Soul Set gespielt hast, hat mir auch nicht alles gefallen. Allerdings steh ich auch nicht so auf Northern-Soul und will deshalb auch nicht sagen, ob das jetzt gut ist oder nicht.

Keb: Aber ich rede hier ja auch nicht davon, was dir gefällt oder nicht gefällt. Ich rede hier von richtigem Scheiß. Und es ist ein großer Unterschied, ob du sagst, daß dir diese Platte nicht gefällt, oder ob du sagst, daß sie schlecht ist.

ouk: Kommen wir wieder auf dich zurück. Wechselst Du dein Set jede Woche?

Keb: Nein. Das habe ich aus der Northern-Soul Zeit gelernt. Als ich anfing aufzulegen wollte ich beweisen, daß ich jede Woche Neuentdeckungen spielen kann. Da kam es dann vor, daß ich eine Platte gerade mal drei oder vier mal gespielt habe.

Dann habe ich sie beiseite gelegt. Das Problem dabei ist jedoch, daß die Clubgänger da nicht Schritthalten können. Aus diesem Grund spiele ich jetzt jede Woche das gleiche Set, wobei ich jede Woche eine neue Platte einpacke. Dadurch lernen die Leute die Platten kennen. Zumal viele ja auch nicht jede Woche anwesend sind. Außerdem ist es schwer genug, eine gute neue Platte pro Woche zu finden.

ouk: Außerhalb deines regulären Clubabends wird diese Vorgehensweise aber schwierig umzusetzten zu sein.

Keb: Nein, nicht. Aber meine Platten sind alle gut genug, um sie zum Tanzen zu bringen. Ich wünschte ich könnte einmal im Monat in München sein, damit die Leute meine Platten kennenlernen würden. Ich mag es, wenn jemand zu mir kommt und sich eine Platte wünscht, die ich vor einiger Zeit mal gespielt habe. Das zeigt mir, daß die Leute auch richtig hinhören.

Aber vielleicht bin ich auch einfach ein Purist. Irgendwie tut es mir gut. Ich wünsche mir allerdings, daß endlich wieder mehr gute Musik produziert wird, denn zwischen 1980 und 1995 gab es einfach keine gute Musik. 89/90 gab es noch ein paar sehr gute House-Scheiben, damals als House aufkam. Aber das hat sich auch ganz schnell wieder gelegt.

ouk: Was Euch auch unterscheidet, ist der Gebrauch der Technik. Florian, du cuttest und mixt immer mal wieder.

Flo: Das ist die einzige Art, wie ich all die verschiedenen Sachen zusammenfügen kann, wenn ich nicht nur Funk auflege. Das war das Gute an meinem Job in der Wunderbar. Da hatte ich genug Zeit, um zu üben. Was ich am Djing auch mag, ist die Möglichkeit, dabei all die Leute im Club zu beobachten.

Keb: Was ich für unverantwortlich halte, ist einen Scratch-DJ in einen Tanzclub zu stellen. DJ Krust war neulich in London und es war sehr interessant ihm zuzuschauen. Aber sie hätten eine Show organisieren sollen und ihn nicht in einen gewöhnlichen Club stellen sollen. Die Leute standen 3 Stunden da und konnten nicht tanzen. Die Masters at Work hingegen machen das anders. Sie haben vier Plattenspieler vor sich und kreieren damit ganz neue Stücke. Aber die Leute können dazu tanzen. Für mich ist die Musik nicht so wichtig, weil ich DJ bin, sondern ich bin DJ weil für mich die Musik so imannent wichtig ist. ( mb & edl)

Keb Darge’s Current Top Ten Playlist Keb Darge’s All Time Top Ten
  1. 1. Mickey & Soul Generation -How good is good (MRG)
  2. 2. The Highlighters -Funky 16 corners (PRP)
  3. 3. Groove Merchants -There’s got to be someone for me (Suemi)
  4. 4. Dayton Sidewinders -Funky I’m here (Carlco)
  5. 5. Glowlighters -Over and over (Uptown)
  6. 6. Earl Carter -Shake your po po (Princess)
  7. 7. Joe Cotto Orchestra -Alex Twister (Magda)
  8. 8. Record Player -Free your mind
  9. 9. Reggie Saddler Revue -Raggedy Bag (Aquarius)
  10. 10. The Highlanders -Lock Jaw
  1. 1. Gwen Owens -Just say your’re wanted (Velgo)
  2. 2. Ernest Baker -Alone Again (Blue Soul)
  3. 3. Tomangoes -I really love you (Washpan)
  4. 4. Del Larks -Job Opening (Queen City)
  5. 5. Salvadores -Stick by me baby (Wise World)
  6. 6. Eddie Parker -I’m gone (Awake)
  7. 7. Ric Cartey -Scratching on my screen (BRC)
  8. 8. Leon Gardner -The natural (Calla)
  9. 9. Ramona Collins -You’ve been cheating (Clarks)
  10. 10. Al Williams -I am nothing (La Beat)
  1. Quelle: www.ouk.de

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