TOBIAS KIRMAYER - Den DJ als Künstler verstehen

Tobias, weshalb steht Funk derzeit wieder so hoch im Kurs?

Funk- oder Soulmusik ist einfach die Mutter jeglicher Musikstile, die nach ihr kamen. Vorwiegend gab es natürlich HipHop, aber auch bei elektronischer Musik wie Drum'n'Bass oder Funky Breaks hört man die Wurzeln. Des weiteren hat Funk eine ganz eigene Atmosphäre.

Die Musik ist warm und gemütlich,kann aber andererseits auch dreckig und rau sein. Das muß sie sogar, sonst wäre sie Soul. Der Schmutzfaktor, manche würden wahrscheinlich "low budget" dazu sagen, gehört zum Funk wie das Ketchup zu den Pommes. Was dem funk auch gut tut, sind diverse Bands, die mehr oder weniger gut den alten Sound wiederaufleben lassen.

Zu nennen sind da an erster stelle die Daptone Familie sowie Vertreter aus England wie die New Mastersounds oder Speedometer. Dann gibt es natürlich noch die Soul Investigators aus Finnland und einige mehr.

Wie bist Du seinerzeit auf die Idee gekommen, nach alten Funkplatten zu suchen?TOBIAS KIRMAYER

Ich bin durch meinen Bruder zum Anfang der Neunziger auf diesen Sound gekommen. Zuerst standen die klassischen Aufnahmen wie James Brown, The Meters oder Kool & The Gang. Dann ging es um 1991/ 1992 mit Hilfe und Einfluss der Poets Of Rhythm und dem Radiomoderator Fritz Egner in Richtung Deep Funk.

Damals haben mich eine Reihe von Bootleg Compilations dazu gebracht, nach den original Singles zu suchen, und das zu Zeiten, als es noch kein Internet gab. Man kam nur durch Sales Lists an Platten heran oder musste in die USA fahren, um vor Ort danach zu suchen.

Einfach in den Plattenladen nebenan gehen läuft bekanntlich nicht. Wie bist Du bei Deiner Suche vorgegangen?

Es gab seinerzeit eine handvoll Händler, welche monatlich Listen verschickt haben, entweder Verkaufslisten oder Auktionslisten. Bei Sales Listen konnte man anrufen, aber bei Auktionslisten war das unglaublich umständlich. Man muß man sich vorstellen, man bekommt eine Liste, findet ein paar Scheiben die man gerne haben würde und schickt einen Brief mit seinen Geboten zurück. Nach zwei Wochen bekommt man einen Brief, welche Platten man ersteigert hat. Anschließend bezahlt man die Platten, und bis diese geliefert werden, ist auch schon die nächste Liste da. So ist für zwei oder drei Singles ein ganzer Monat verstrichen.

Auf Tramp Records, Deinem Label, hast Du zahlreiche Re-Issues veröffentlicht. Wie hast Du die eigentlichen Herausgeber kennen gelernt und kontaktiert?

In diesem Fall hilft das Internet sehr viel. Man kann auf diesem Weg Kontakte, die man über Jahre zu anderen Sammlern aufgebaut hat, pflegen. Wobei sich das immer noch einfach anhört, kurz mal im Telefonbuch von New Orleans nachschlagen, und schon ist man dabei. So läuft es leider nicht. Dabei ist gerade das der Reiz und Spaß an der Sache. Schließlich muß es auch Rückschläge geben, denn zu glatt darf der Sammlerspaß auch nicht laufen.

Du veröffentlichst auch neue Sachen. Wer sind diese Künstler, mit denen Du in diesen Fällen zusammenarbeitest?

Bei neuen Aufnahmen versuche ich, lokale Bands zu bevorzugen. In England gibt es schon zu viele Bands, um welche sich die Labels streiten und welche jede Single auf einem anderen Label herausbringen. Ich bin der Meinung, dass man Bands aus der Umgebung oder zumindest aus Deutschland gegenüber denen aus anderen Ländern bevorzugen sollte.

Unsere Bands machen - sofern sie gut sind - ebenso qualitativ super Sound und können dann vielleicht sogar vermehrt mit Auftritten rechnen. Das Hi-Fly Orchestra und die Boogoos sind gute Beispiele.

Besteht eigentlich ein Netzwerk unter einzelnen Labels wie Tramp, Breakin Bread, MPM oder Jazzman?

In gewisser Weise schon, wobei eine Zusammenarbeit eher dann zustande kommt, wenn man an neuen Projekten arbeitet. Ich schließe mich ab und an mit Jazzman kurz, um zu checken, dass wir nicht beide an den gleichen Themen arbeiten.

Ist es nicht ungewöhnlich, dass Du ausgerechnet auf einem Podium für HipHop und Rapmusik zu Wort kommst? Inwieweit hat das, was Du machst, für Dich mit HipHop zu tun?

Wie bereits zu Anfang erwähnt, ist HipHop der Sohn vom Funk. Ohne Funk gäbe es keinen HipHop, und das nicht nur, weil Rapper Funk sampeln. Ganz im Gegenteil, inzwischen machen diese Rapper auch nur noch einen geringen Prozentsatz aus. Vielmehr Gewicht gilt dem Ganzen, woher es kommt. Funk ist aus dem Ghetto heraus entstanden.

Musik war in Zeiten der Apartheid - ich spreche von den USA und nicht von Südafrika - eine der wenigen Möglichkeiten, loszuwerden, was man anderweitig nicht loswerden konnte. Man wollte in Titeln, die, wenn man genau hinhört, eine positive Energie verbreiten, Aggressionen abbauen, da mit Gewalt bekanntlich nicht viel zu erreichen ist. Als HipHop begann, war er wie fünfzehn Jahre zuvor Funk eine Möglichkeit, sich zu äußern und Themen anzusprechen, die man sonst nicht unter die Leute hätte bringen können. Darin besteht die Verbindung von Funk zum HipHop.

Du bist selbst als DJ aktiv. Wie darf man sich ein typisches Set von Dir vorstellen?

Das ist ganz unterschiedlich. Meistens werde ich jedoch für mein Deep Funk Set gebucht. Funk bedeutet nicht nur Funk. Raw Soul spielt genauso eine Rolle wie Latin, Boogaloo, Jazz und Disco. Sehr gerne lege ich gemischt auf. Darunter findet man neben Funk dann auch Oldschool HipHop, Jazz Breaks oder vielleicht sogar eine Drum'n'Bass-Nummer.

"This Is My Thing" ist Deine inzwischen dritte Compilation und die erste auf Tramp Records. Sie vereint altes und neues. Kannst Du hierzu ein paar Worte verlieren? Gehen Dir die Originale aus oder wie entstand sie?

Soweit ist es noch nicht, dass mir die Originale ausgehen. Vielmehr ist es so, dass die Leute meinen Namen primär mit Deep Funk und Rare Grooves in Verbindung bringen. Nach meinen beiden "Movements" Compilations ist das natürlich eine tolle Sache. Andererseits nervt es mich aber auch ein wenig, immer nur in diese eine Schublade gesteckt zu werden.

Auf "This Is My Thing" geh ich in eine - für manche Leute - neue Richtung, welche für mich nicht neu ist. Sie zeigt, dass ich musikalisch offen bin. Allerdings möchte ich nicht aufhören, Funk Compilations zu veröffentlichen. Mir liegt einfach zu viel daran. Die Leute müssen sich darauf einstellen, dass, wenn sie künftig eine Platte von mir sehen, nicht zwingend Deep Funk darauf enthalten ist.

Möchtest Du zum Schluß noch etwas loswerden, zum Beispiel wie Du die Zukunft des Vinyls aussieht?

Save the vinyl! Es gibt zu viele Menschen, die sich von heute auf morgen DJ's nennen, weil sie sich im Laden Castrato gekauft und tausend Songs aus dem Internet heruntergeladen haben. Das ist es nicht, was man DJ-Kultur nennt. Kleine Labels leben von Plattenverkauf, nicht von MP3's. Nehmt Euch das zu Herzen, denn irgendwann gibt es keine Indie-Labels mehr, welche sich engagieren. Dann gibt es plötzlich nur noch Majors, und was diese überwiegend für einen Müll produzieren, hört man ja jeden Tag auf's Neue.

Quelle:

www.myspace.com/saschaweigelt 

www.hhv.de


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