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Blues und Roots

Die Quellen des Jazz

Als die Slaverei eine enteignete afrikanische Zivilisation brutal in eine vermischte und entwurzelte europäische einband, war eines der dramatischen Resultate Jazz. Eine Mischung zweier alter Kulturen, die durch ihre Koexistenz in einer neuen Welt, die nach sich selbst suchte, verändert wurde. Der Sklavenhandel brachte Hunderttausende von Senegalesen, Yoruba, Ashanti nach Amerika, - jede Gruppe mit ihren eigenen Traditionen- und entließ sie in die Tabak- und Baumwollplantagen der Karibik und des amerikanischen Kontinents. Und so ungleich wie die Traditionen der Sklaven waren die der Sklavenhalter. Die Katholiken- Portugiesen, Spanier und Franzosen- ließen die westafrikanischen Kulturen eher intakt als der britische Protestantismus mit seinen Verboten von Tanz und Trommeln. Aus vermischten afrikanischen und katholischen Ritualen, durch den Protestantismus von "unzüchtigen" Bewegungen gereinigt, entstand das rhythmisch intensive Predigen der Erweckungsbewegung. Die Zeremonien des Katholizismus und die Westafrikas überlappten sich manchmal so weit, daß Sklaven zum Tag des heiligen Patrick trommelten und dabei eine Religion mit dem Ritual einer anderen tarnten.

Afrikanische Rhythmen

Bei allen Unterschieden zwischen den afrikanischen Völkern, die da in Ketten in die Neue Welt verfrachtet wurden, gab es doch auch Gemeinsamkeiten. In der westafrikanischen Musik dominierte der Rhythmus über Melodie und Harmonik, die bestimmenden Größen europäischer Musik. Dabei waren die melodischen Grundlagen afrikanischer und europäischer Musik ähnlich genug, um eine Assimilation im Gesang zu ermöglichen. Die Besonderheiten afrikanischer Sprachen, in denen Tonhöhe und Sprachmelodie ebenso bedeutungstragend sind wie das Vokabular , brachten Feinheiten des Klangs mit sich, die den europäischen Musiktraditionen fremd waren- z.B. den Falsettengesang und das Biegen und Anschleifen von Tönen, anstatt sie mit der Reinheit eines Chorknaben zu treffen. Und die Bedeutung der Trommelensembles in afrikanischen religiösen Zeremonien hatte im Lauf der Jahrhunderte zu einer Verfeinerung im Rhytmischen geführt - mit oft triolisch gruppierten, leicht gegeneinander verschobenen und einander überlagernden Klängen - , wie sie im Westen undenkbar war.

Die Einflüsse

work songEuropäische und westafrikanische Musik trafen in der Kirche und bei der Arbeit aufeinander. Aufseher störten sich oft nicht an afrikanischen Arbeitsliedern, weil sie die Arbeitsleistung und die Stimmung der Sklaven verbesserte. Der Begriff "Kunstmusik" hatte in Afrika keine Bedeutung. Musik war überall: Es gab Lieder zur Brautwerbung, Spottlieder, Lieder, deren Rhythmen sich für bestimmte Arbeiten eigneten, Lieder für Seefahrt, für den Gottesdienst und zur Kriegsführung. Jetzt erhielt der Work Song seine rhythmisches Pendant im klappern der Hämmer und Spitzhacken. Text- und Melodiefetzen fügten zueinander, wie bei den schwarzen Seeleuten von Savannah oder New Orleans, in deren Shantys (Seemannsgesang; erster Bestandteil des Jazz) sich afrikanische Weisen Elementen aus dem englischen Variete mischten.

Es wurde immer häufiger die ländliche afroamerikanische Musik mit den Harmonien europäischer Kirchenlieder verbunden. Vor 1900 gingen reisende Bluessänger mit ihren Banjos oder Gitarren eher lässig mit den Takten und Akkorden um. Diesen Musikern war die Harmonik weniger wichtig als der Gesang und dessen besonderer Klang - jenes gefühlvolle, nicht festzumachende Gleiten und Schweben der Tonhöhe, der Falsetto-Ruf oder holler (ein Gruß auf den Plantagen) - und die kürzelhaften alltäglichen Texte mit ihren kleinen Ironien, beiläufigen Tragödien und spöttischen Pointen. Nach der Jahrhundertwende wurden "ordentlichere" in Notenschrift fixierte Formen des Blues zu populären Hits ( W:C:Handy St.Louis Blues war einer der berühmtesten). Eines der Fundamente bei nahe aller Jazz-Genres und eine großteils westlicher Musik dazu ist wohl der Blues.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen weitere flüchtige Bestanteile in den Schmelztiegel, in dem der Jazz entstehen sollte. Zu ihnen zählen Minstrelsy, Spirituals und Ragtime. Die Wurzeln der minstrel shows, die die amerikanische Unterhaltungskultur in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts prägten, lagen in der sentimentalen weißen Phantasie vom "edlen Wilden" und die frühen weißen Minstrelsänger spielten mit schwarz gemalten Gesichtern und lieferten ein Karikatur dessen, was sie für das echte Leben eines Schwarzen hielten. Minstrelsy hatte keinen großen Einfluß auf den Jazz, aber das Aufkommen schwarzer minstrel shows gegen Ende des 19.Jahrhunderts brachte es mitsich, daß frühe Jazz- und Blues-Musiker wie Ma Rainey, Jelly Roll Morton und Clarence Williams in den Shows arbeiteten. Außerdem machten die Minstrels ein wachsendes weißes Publikum mit musikalischen Elementen vertraut, die es später im Jazz wiederfinden sollte. Das gleiche taten Spirituals, langsame Varianten afroamerikanischer Kirchenmusik, die formal den Regeln europäischer Musik am nächsten kamen und zum ersten Genre schwarzer amerikanischer Musik wurden, das regelmäßig in den Konzertsälen der Welt zu hören war.

Zuletzt kam der Ragtime, eine weitere Mode, die sich im letzten Jahzehnt des 19.Jahrhunderts sowohl in Amerika als auch in Europa etablierte. Derjazz in einer bar Begriff bedeutet wörtlich ragged time ( zerrissene Zeit). Ragtime, seine technisch anspruchsvolle Klaviermusik, die leichte europäische Klassik adaptiert, beruht auf einer stetigen, marschartig im two beat-Rhythmus geführten linken Hand, die mit einer rechten Hand kontrastiert, die das Tempo verdoppelt und empathische Akzente nicht auf, sondern zwischen den Taktschlägen der linken Hand plaziert. Obwohl dieses polyrythmische Verfahren Vorläufer in schwarzer Zeremonial- und Voodoo-Musik hatte, läßt es sich auch auf die europäische Klassik zurückführen, wo es jedoch meist nur als vorübergehender Effekt benutzt wurde. Ragtime war im allgemeinen eine freundliche und optimistische Musik, der die Ausdruckskraft des Blues abging; aber Virtuosen wie Tom Turpin gaben ihr einen unglaublichen Drive. Ihr munter vorantuckender Beat, vermischt mit regulärer Marsch-Rhythmik, wurde zum wichtigen Element der Musik der frühen Jazzbands und des dynamischen Stride-Piano-Stils der zwanziger und dreißiger Jahre.

 

Quelle: Das große Buch vom Jazz 1998 / Arrigo Polillo Jazz die Enzyklopädie 2.Auflage 2006

 


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