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Cool Jazz

In den späten vierzieger Jahren spielten die Bebopper Charlie-Parker-Platten, bis sie völlig abgenutzt waren. Ob in L.A. oder London, Lyon oder Leningrad: alle jungen Jazzmusiker wollten so wie er klingen. Parker war der Messias, und das mußte man wissen, um hip zu sein. Doch schon in den frühen fünfziger Jahren bedeutete hipness, zu einer ganz anderen Art von Jazz zu tanzen - oder eher, nur leicht mit dem Kopf zu nicken.

1948 hatte der Trompeter Miles Davis für ein paar Auftritte eine neunköpfige Band zusammengestellt, die im folgenden Jahr Aufnahmen machte. Ihre Musik war nicht schnell, explosiv und bluesig wie Parkers Bebop. Es war eine ätherische Musik sanfter Klangwolken, die sowohl das Waldhorn als auch gebräuchliche Jazz-Instrumente verwendete, mit einer reichen Klangfarbenpalette und fein verzierte Arrangements, über denen sich die Solisten in wohlabgemessenen und vorsichtigen Schritten bewegten.

Parkers Vorstellung von einem Arrangement war ja schließlich kaum mehr als das gewesen, was man unmittelbar vor Aufnahme beginn auf einen Fetzen Papier kritzeln konnte. Die Stücke, die diese subtil und transparent musizierende Band 1949 und 1950 einspielte, wurde als Birth of the Cool etikettiert. Davis hatten diesen Kurs auch deswegen gewählt, weil seine eigene Trompetentechnik, deren Stärke eher Klangfarbennuancen als Kaskaden von Sechzehntelnoten waren, nicht zum Bebop paßte. Er war zudem, wie Charlie Parker in seinen letzten Jahren , zur Überzeugung gekommen, daß die Improvisation über Schlagerharmonien den Jazz in eine Zwangsjacke drängte, in der man sich entweder blitzschnell oder gar nicht artikulieren konnte.

Davis wollte zudem mit Solisten seines Schlags arbeiten, die nicht immer so spielten, als habe gerade jemand einen Startschuß abgefeuert. Unter den Solisten, die er fand, waren zwei weiße Saxophonisten und Komponisten Gerry Mulligan und Lee Konitz, der Altsaxophonist der Thornhill- Band. Konitz war unverkennbar von Parker beeinflußt, hatte aber dessen Sprache unter den Einfluß eines strengen, eigenwilligen Lehrers, des blinden Chicagoer-Pianisten Lennie Tristano, auf eigene Weise interpretiert. Mulligans Sound war von dem des einzigen Saxophonisten geprägt, dessen Einfluß auf Bläser dem Parkers nahekam - dem poetischen, rhapsodischen Lester Young.

Die Wegbereiter

Mit dem Aufkommen des Cool Jazz wurden Parker und Young ironischerweise an den Rand gedrängt. Beide waren in den frühen fünfziger Jahren krank und künstlerisch nicht immer in Hochform, und es schmerzte Parker, erleben zu müssen, daß sich die Jazzmode hin zu jener Art von elegantem Kammerjazz bewegte, von dem er selbst geträumt hatte. Young mußte feststellen, daß die führenden Saxophonisten der Cool-Richtung (Konitz, Mulligan, Brew Moore, Paul Desmond, Stan Getz) mit einem Sound Erfolge feierten, der dem seinen abgehorcht war. Aber die wahren Vertreter des Cool waren die kompromißlose Tristano-Clique und die samtig-sinnliche Miles-Davis-Richtung.

lennie_tristanoTristano, ein gnadenloser Bandleader, glich Davis nur darin, daß auch er die Harmonien Tin Pan Alley als Grundlage der Improvisation ablehnte. Für ihn zählte an erster Stelle die Melodie, und er verabscheute jene Begründer des cool Jazz billigen Effekte, Blues-Klischees, sensationellen hohen Töne und anderen publikumswirksamen Tricks, die den Swing und manchen Spielarten des Bebop infiziert hatten. So wie jüngere Jazzinstrumentalisten Parkers Saxophon imitiert hatten, so versuchten Tristanos Jünger, wie Pianisten zu klingen, auch wenn sie Saxophon spielten: mit langen, gelassenen Linien, die sich kühn über Taktgrenzen hinwegsponnen, sich wanden und verknäulten und doch selten die Lautstärke eines leisen Raunens überstiegen. Schlagzeuger und Bassisten waren nur zum Markieren des Tempos da - nichts von den klappernden Einwürfen eines Max Roach oder Kenny Clarke. Manchen erschien Tristanos Musik zu zerebral, aber indem er sich von der Song-Form löste, war der Pianist Vorläufer einer Free-Jazz-Bewegung, die erst ein Jahrzehnt später von sich reden machen sollte.

Tristanos verhaltene-raffinierte Melodik und die leuchtenden Harmonien von Miles Davis´Mini-Orchester waren die Essenz der Cool-Schule - eine intellektuellere, europäischere Musik, die einige als passende Begleitmusik der ernüchterten Ära der Atombombe und des kalten Krieges hörten. Häufiger aber wird der Begriff "Cool" mit jener Musik in Verbindung gebracht, die zur gleichen Zeit an der amerikanischen Westküste gemacht wurde - und die zum großen Teil überhaupt nicht "cool" war, auch wenn sie ein akademisches Interesse an formalen Experimenten an den Tag legte.

Die Dave-Brubeck-Combo, die in den frühen sechziger Jahren zu einer der profitabelsten Bands des Jazz wurde, unternahm faszinierende Experimente mit den Formen der europäischen Klassik und komplexen Taktarten, aber Brubeck attackierte die Tasten mit vitalem Temperament, und sein Schlagzeuger Joe Morello war alles andere als ein seelenloses Metronom.

Gerry Mulligan und der Trompeter Chet Baker spielten leise, dialogisierende Bebop-Variante ohne Klavier, die komerziell nicht zuletzt deshalb sehr erfolgreich wurde, weil Baker - der James Dean ähnelte und eine romantische Trompete wie ein weniger grüblerischer Miles Davis spielte - auch ein Sänger im Stil der populären "Crooner" (mänl.Vokalist) war. Der luftig-tänzerische Jazz der Mulligan-Baker-Band wurde zu dem Sound, der am häufigsten mit dem Begriff Cool bezeichnet wurde.

Doch die Cool-Mode inspirierte auch eine der langlebigsten und beliebtesten aller Jazzgruppen der Ostküste. Dort schuf das Modern Jazz Quartet charlie  parker, miles daviseinen ähnlich intimen Klang, aber mit einer einzigartigen Kombination von europäischer Barockmusik und dem Blues des herausragenden Bebop-Vibraphonisten Milt Jackson.

Der Punkt, um den sich alles drehte, war jedoch immer Miles Davis; so wie in den kommenden zwei Jahrzehnten. Davis verband immer, in seinen eigenen Spiel wie in seinen Bands, Hot und Cool. Und obwohl er so viel zur Lancierung der Cool-Mode beigetragen hatte, war er sofort dabei, als die Gegenreaktion kam. Der Hard Bop.

 

Wichtige Musiker des Cool-Jazz:

Miles Davis, Gil Evans, Lennie Tristano, John Lewis, Lee Konitz, Jimmy Giuffre, Shorty Rogers.

 

Quelle: Das große Buch vom Jazz 1998 / Arrigo Polillo Jazz die Enzyklopädie 2.Auflage 2006
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