Be Bop
Wenn der Swing ein Jazz war, der das Publikum mit offenen armen
empfing, so war Bebop, einer, der ihm scheinbar den Rücken zukehrte.
Viele der führenden Swing-Musiker der vierziger Jahre fühlten sich
persönlich beleidigt.
Tommy Dorsey sagte der
Zeitschrift " Down Beat" : "Bebop hat die Musik zwanzig Jahre
zurückversetzt". selbst der leutselige Louis Armstrong ließ sich,
selten genug, zu Tadeln hinreißen, als er von " schrägen Akkorden"
sprach, "die gar nichts bedeuten...Es gibt keine Melodie, an die man
sich erinnert, und kein Beat, nach dem man tanzen könne".
Nachdem sich die erste
Aufregung gelegt hatte, erkannten Musiker wie Publikum, daß der Bebop
in Wirklichkeit gar nicht so völlig anders klang. In unserer Gegenwart
begleiten die Soli Charlie Parkers Restaurant -Konversationen, und
Thelonious Monks Round Midnight ist ebensogut im Supermarkt zu hören wie auf einer Platte mit Meisterwerken des 20.Jahrhunderts eines klassischen Pianisten.
Auch wenn er sich scheinbar von der Vergangenheit löste, knüpfte der
Bebop doch tatsächlich sinnvoll an sie an. Er vollzog sich meist auf
der Basis des Swing four beat,
aber mit unregelmäßiger verstreuten Akzenten und ohne jenes stetige
Stampfen der Baßtrommel. Seine Inprovisationen beruhten auf Akkorden,
aber solchen, die die einfachen Harmonien um Zusatztöne bereicherten
und die viel rascher wechselten. Der Pianist Art Tatum und der
Swing-Saxephonist Coleman Hawkins hatten schon lange Vergleichbares
getan, und die moderne europäische Kunstmusik war voll von solcher
Verfahren.
Die beliebtesten
Akkordprogressionen des Bebop waren der Blues und die Harmoniefolge des
zweiunddreißigtaktigen Songs mit achttaktigem Mittelteil - wie z.B. I Got Rhythm.
Aber die Bebop-Pioniere machten sich ein Spaß daraus, solche Songs so
zu verschleiern, daß nicht einmal ihre treuesten Fans sie erkennen
würden. Wenn die Kombination der Akkorde von I Got Rhythm mit
denen des Mittelteils eines völlig anderen Songs einen berühmten
Swing-Star, der darüber zu improvisieren versuchte, ins Straucheln
brachte oder die alternden Swing-Fans verärgert, dann um so besser.
Während gebildete Musiker
wie Art Tatum und Coleman Hawkins die Fundamente des Bebop verstanden
und andere - wie der Saxephonist Lester Young, der Trompeter Roy
Eldridge, die Pianisten Count Basie und Clyde Hart und der Schlagzeuger
Jo Jones - nur einen Schritt davon entfernt waren, Bebop zu spielen, so
war dieser Schritt doch der schwerste. Er erforderte die unverbrauchte
Energie des Newcomers, mit einem Ruf, der erst zu gewinnen und noch
nicht zu verlieren war. Dies war die Clique der jungen
Swingband-Mitglieder, die sich in den after hour Clubs New Yorks trafen. Kein
einzelner von ihnen, nicht einmal Charlie"Yardbird" Parker, hatte die
zukünftige Archietektur des Bebop voll und ganz vor Augen. Sie waren
gelangweilt, begabt und rebellisch - und lebten für die Musik. Jeder
von ihnen hörte ein Fragment des neuen Sounds. Erst als sie
zusammenkamen, konnte der moderne Jazz geboren werden.
Die Wegbereiter
Das herrschende Genie des Bebop war Charlie Parker, auch wenn viele
andere Musiker ihre eigenen wichtigen Rollen spielten. Parker bereits
als Meister des Altsaxophons anerkannt und spielte im bluesorientierten
Swingorchester Jay McShanns einen schnellen, harmonisch avancierten
Stil, der von Lester Young abgeleitet war. Parker war Autodidakt, er
hatte aber schon als Teenager gelernt, in jeder Tonart mit gleich
Verblüffender Virtuosität zu spielen. Als er sich der Band von Jay
McShann anschloß, hörte er bereits eine noch schwer greifbare, doch
sich langsam herauskristallisierende Art des Improvisierens, eine, die
das harmonische Potential der Akkordtöne freisetzte und damit dem
Solisten mehe Material in die Hand gab.
Die Wandlung der Harmonik
machte den Bebop scheinbar zu einer stärker europäisierten Musik - als
hätte Bach den blues und afrikanische Rhythmen gekannt. Aber wie in
allen frühen Jazz-Revolutionen war der wichtigste Beitrag des Bebop
rhythmischer Natur. Auch wenn New-Orleans-Jazz und Swing rhythmische
Ideen benutzten, die zuvor im Westen unbekannt waren, waren sie doch
nur eine partielle Wiederentdeckung des afrikanischen Erbes und bei
weitem nicht so eloquent wie ein afrikanisches Trommelensemble. Als
Bebop sich als Bewegung entwickelte, näherte sich sein Schlagzeugspiel
jenem mysteriösen, polyrhythmischen Unterstrom des Jazz. Der Mann, der
am meisten dafür verantwortlich war, hieß Kenny Clarke.
Clarke spielte Schlagzeug
in einer Swing-Band von Teddy Hill. Ein weitere Bandmitglied war ein
junger Trompeter namens John Birks "Dizzy" Gillespie - ein erfahrener,
aber eigensinniger Musiker, der bereits mit Swing-Harmonik
experimentierte. Inspiriert vom Spiel des Basie Schlagzeugers Jo Jones
wollte Clarke einen leichteren Schlagzeug-Sound erreichen und mehr
Spannung erzeugen - wie es Jazz Neuerer seit Anbeginn getan hatten -,
indem er rhythmische Ideen miteinander kontrastierte. Und seinen
Spitznamen" Klook" oder "Klook-a-mop" verdankte er schließlich seinen
Snare und Bass-Drum-Akzenten, die dem regelmäßigen Beat des Swing auf
ungehörte Weise zuwiderliefen.
Clarks Arbeitgeber Teddy
Hill feuerte ihn schließlich 1940 wegen musikalischer Aufsässigkeit,
aber erinnerte sich an den störrischen jungen Schlagzeuger, als er ein
Jahr später eine kleine Hausband für ein neues Lokal zusammenstellte:
"Minton´s Playhouse" in der 108. Straße in Harlem. Hill bat Kenny
Clarke, einige Musiker zu finden, die bereit wären, für wenig Geld zu
spielen, aber gut genug, um Stargäste zu begleiten und ein ansehnliches
Publikum anzulocken. Clarke benutzte die Gelegenheit, um gleichgesinnte
Musiker zu suchen. Außer Gillespie fand er thelonious Monk, einen
eigenartigen, aber kreativen Pianisten, der ebenso vom Stride Piano wie
der Musik von " Baptist Church" beeinflußt war und einen Still
fremdartig dissonanter Akkorde und überraschender, spannungsreicher
Pausen entwickelt hatte.
Zur gleichen Zeit schlug sich Charlie Parker in einem anderen Harlemer
Musiktreffpunkt namens" Monroe´s Uptown House" mit seinen Anteil der
Eintrittsgelder durchs Leben. Als Kenny Clarke ihn hörte, entdeckte er,
wie er später einmal Parkers Biograph Ross Russel erzählte,daß Parker
" doppelt so schnell wie Lester Young spielte und Akkorde verwendete,
die Lester nicht einmal kannte".
Parker wurde ins
"Minton´s" geholt, und ein neues Repertoire bildete sich heraus. Auch
wenn etablierte Jazz-Stars wie Coleman Hawkins, Duke Ellington, Count
Basie und sogar Fats Waller ins "Minton´s" kamen, um frühmorgens nach
der Tretmühle der kommerziellen Swing-Shows Dampf abzulassen, hatte die
von Clarks zusammengestellte Houseband doch anderes im Sinn.
Für das, was sie
spielten, setzte sich ein Name fest - nicht, daß die Musiker ihn
anfangs gemocht hätten. Mit der Hilfe der Silben "Be-bop" bzw. re und bop
"singen" sich die Musiker untereinander komplizierte Linien in
schnellen Tempi vor. Für Swing-Musiker, die mitzuspielen versuchten,
und erst recht für ein unerfahrendes Publikum, wirkte Bebop zunachst
so, als würden die Solisten zu früh oder zu spät einsetzen, Phrasen
unabgeschlossen stehen lassen oder sich im Takt oder der Tonart irren.
Im Swing trafen der Augenblick eines Akkordwechsels oder die wichtigen
Noten einer Phrase meist mit den traditionellen "starken" Taktzeiten
zusammen. Der Bebop kehrte diese musikalischen Wegmarken absichtlich um
und betonte "schwache" Taktzeiten oder Off-Beats.
Charlie Parkers Gefühl
für Timing und seine Orientierung in der Struktur eines Stückes waren
so absolut sicher, daß er diesen Rahmen improvisatorische Strecken
verlassen und kühne Sprünge in entfernte Tonarten wagen konnte, um dann
doch immer wieder sicher auf den Füßen zu landen. Die Bläser im Bebop
wurden von aktiven und antreibenen Rhythmusgruppen mit Schlagzeugern
wie Kenny Clarke und Max Roach ermutigt, sich auf risikoreiche Spiele
mit Akzenten und Rhytmus einzulassen.
Revolutionäre Klassiker - die ersten Aufnahmen
Bebop genoss zunächst ihren Untergrund-Kultstatus. Auch wenn die
Musiker und eine kleine Scharr von Fans in New York von Anfang an vom
Bebop wußten, so taten das nur wenige außerhalb dieser Kreise. Die
Radiomoderatoren waren noch ganz auf Swing eingestellt. Von 1942 bis
1944 legte die amerikanische Musikergewerkschaft im Kampf um bessere
Bezahlung die Plattenindustrie lahm. Die Bop-Musiker entwickelten ihre
Kunst also im verborgenen, was das große Publikum anging. Als der
Aufnahmeboykott endete und der Bebop in voller Pracht auftauchte, war
der Schock um so größer.
Die Aufnahmen der ersten
Schockwelle sind heute Jazzklassiker. Eine Band, der Charlie Parker und
Max Roach angehörten, spielten 1944 im New Yorker " Three Deuces" und
ein von Coleman Hawkins geleitetes Ensemble mit Dizzy Gillespie machte
die ersten Aufnahmen nach Aufhebung des gewerkschaftlichen Verbots. In
den Beliebtheitsumfragen der Musikzeitschriften spiegelte sich der
Aufstieg der neuen Generation wider, und 1945 begannen Charlie Parker
und Dizzy mit einer sensationellen Serie von Combo-Aufnahmen, in der Groovin High, Billie´s Bounce, Now´s the Time und Ko-Ko entstanden.
Bebop wurde zur musikalischen wie gesellschaflichen Revolution und
veränderte den Sound des Jazz ebenso wie Sprache und Mode der Jugend.
Charlie Christian
Roach, Gillespie, Parker
Gegenbewegung
Es gab eine interessante Gegenreaktionen auf diese Revolution. Die
labyrinthartig verschlungenen Melodien, atemlosen Tempi und Komplexität
des Bebop führten zu einem wiedererwachten Interesse an den
eingängig-kommunikativen Stilen des frühen Jazz, und es kam zu einer
New-Orleans-Renaissance. Und sie führte zugleich zu einer Musik, die
viele Neuerungen des Bebop aufgriff, aber das Publikum mit einem
weichen Sound umschmeichelte, anstatt es bis zum Zähneklappern
durchzuschütteln. Das war der Cool Jazz.
Wichtige Musiker des Bebop:
Charlie Parker, DizzyGillespie, Max Roach, Thelonious Monk, Kenny Clarke,
Charlie Christian.
Quelle: Das große Buch vom Jazz 1998 / Arrigo Polillo Jazz die Enzyklopädie 2.Auflage 2006
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